Migrationspanik einst und jetzt

Zuletzt aktualisiert am Montag, 28. November 2016 18:29
Veröffentlicht am Freitag, 27. Mai 2016 22:27
Geschrieben von Josef Bayer

Von Dr. Josef Bayer

Heute herrscht in der ungarischen wie in der europäischen Politik eine echte Migrationspanik vor, welche jede vernünftige Diskussion unmöglich macht. Die Flut von Flüchtlingen aus den Krisengebieten ist zwar erschreckend, aber noch erschreckender ist die politische Reaktion darauf. Anstatt nach politischen und sozialen Lösungen zu suchen, wird von den Mächtigen, zumindest in unserem Land, nur hysterische Angst erweckt, Fremdenhass geschürt, Zäune errichtet und ein Ausnahmezustand angestrebt. Die wichtige Frage, wie man mit dem aufkommenden Problem der massenhaften Migration umgehen sollte, welche ganze Erdteile in den nächsten Jahrzehnten betreffen wird, ist völlig unter den Tisch gekehrt, und die Lage wird für die kurzsichtigen Eigeninteressen der Machterhaltung um jeden Preis missbraucht.

Aber war es nicht immer so? Paul Collier, ein englischer Expert zum Thema, schreibt in seinem Buch „Exodus”, dass jede Migrationspolitik eine giftige Mischung aus hohen Emotionen und niedrigem Wissen darstellt.

Verdrängt man die eigenen Erfahrungen von erlebter Zwangsmigration, ist es doppelt schwierig, damit umzugehen. Es ist fast vergessen, dass eine der größten Migrationswellen im zwanzigsten Jahrhundert in Europa gerade die deutsche Bevölkerung getroffen hat. Infolge der Kriegsniederlage wurden im Jahre 1945 und 1946 rund 13 bis 14 Millionen Deutsche aus den sogenannten Ostgebieten und aus Mittel- und Südosteuropa nach Deutschland abgeschoben. Diese Menschen lebten seit vielen Jahrhunderten in den Gebieten, die sie verlassen mussten, wo sie organischer Teil der dortigen Gesellschaft und Kultur gewesen sind. Auf einmal wurden sie wurzellos, entrechtet und enteignet. Sie mussten ihre Höfe und Friedhöfe hinterlassen, und ohne Hab und Gut trafen sie in Deutschland auf eine Bevölkerung, welche sie – trotz der gleichen Sprache und Religion - als störende Eindringliche, als Fremde empfunden hatte.

Die meisten unserer ungarischen Landsleute, auch wenn sie von der „Aussiedlung der Donauschwaben“ gewusst haben, hatten kaum eine Vorstellung von der Größenordnung dieser riesigen Zwangsmigration. Die deutsche Nachkriegspolitik hat, teils wegen schlechten Gewissens um die schrecklichen Missetaten der nazi-deutschen Kriegsführung, diese Zwangsumsiedlung hingenommen. Hier hat der schamlose Molotov-Ribbentrop-Pakt nachgewirkt in der Verschiebung der deutsch-polnischen Grenzen, sowie die einstige deutsche Okkupation des Sudetengebiets und die Auflösung der Tschechoslowakei infolge des Münchener Abkommens. Die deutsche Führung der Nachkriegszeit versuchte die daraus entstandenen riesigen gesellschaftlichen Probleme herunterzuspielen oder gar zu verdrängen (mehr in der DDR als in der BRD). Es dauerte zumindest zwei-drei Jahrzehnte, bis die Vertriebenen integriert werden konnten, und auch dies gelang oft nur der nächsten Generation so richtig. Doch Deutschland schaffte es, und konnte dadurch Erfahrungen mit der schwierigen Integration von Flüchtlingen sammeln. Noch wichtiger ist, dass all dies letztlich die deutsche Demokratie gestärkt und nicht geschwächt hat. Diese Erfahrung hat gewiss dazu beigetragen, dass Deutschland heute anders auf die Flüchtlingskrise reagiert als andere Länder.

Ein deutscher Historiker, Andreas Kossert, hat die Geschichte der Vertriebenen gründlich dokumentiert und prägend dargestellt in seinem Werk: „Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945“. Den Autor interessiert nicht nur die missliche Lage der Flüchtlinge, sondern vor allem ihre Beziehung zu der einheimischen Bevölkerung, die sie ziemlich feindselig und kaltherzig empfangen hat. Der Autor führt viele Belege auf, alle Geschichten, die mir aus den Erzählungen meiner vertriebenen Verwandten als bekannt vorkommen. Trotzdem wurden diese Menschen aus Opfern immer mehr zum wichtigen Ferment im Veränderungsprozess des Landes. Nicht nur zum deutschem Wirtschaftswunder haben sie beigetragen (u.a. holten sie die Kriegsverluste an Menschenleben auf), sondern sie veränderten langsam auch das politische und kulturelle Antlitz Deutschlands: „Sie leisteten einen substantiellen Beitrag zu Entprovinzialisierung, Säkularisierung und Urbanisierung Deutschlands und stellten damit einen gewichtigen Modernisierungsfaktor dar.“ Ich hoffe, dieses wertvolle Buch wird bald auch auf Ungarisch zu lesen sein.

Einen Aspekt dieser ganzen Geschichte vermisse ich nur: die Analyse dessen, welchen negativen Einfluss die Vertreibung auf die Herkunftsländer ausübte. Denn, wie Paul Collier schreibt, bei jeder Migration müsste neben dem Schicksal der Migranten und der Empfänger auch das der Hinterbliebenen betrachtet werden. In Ungarn, wo nur etwa die Hälfte der Ungarndeutschen vertrieben wurde (gestoppt wurde der Prozess nur, wie aus den Protokollen der Alliierten Besatzungsbehörden zu entnehmen ist, weil die Sowjets, gegen die Forderung der Amerikaner, nicht bereit waren, für die Transportwagonen finanziell aufzukommen), fällt diese Tatsache besonders schwer ins Gewicht. Zerstörte Siedlungsstrukturen, gebrochene Traditionen, zersetzte Familien, politische Einschüchterung, Verlust des Rechts auf vollwertigen schulischen Sprachunterricht und andere Folgen haben lange Zeit das Schicksal des Ungarndeutschtums geprägt. Sogar die Neubesinnung auf eine doppelte Identität einer schon weitgehend assimilierten deutschen Minderheit weckt oft Misstrauen in einer Umgebung, wo in der offiziellen Politik wieder starke nationalistische Töne zu hören sind. Aber diese Seite der Geschichte aufzuarbeiten wartet wohl auf einen unbefangenen Autor aus unserer Region.

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