Unsere Deutschen

Zuletzt aktualisiert am Montag, 28. November 2016 18:24
Veröffentlicht am Sonntag, 19. Juni 2016 19:44
Geschrieben von Jenő Kaltenbach

Von Dr. Jenő Kaltenbach

„Sie sollten lieber unsere Deutschen zurückgeben.“ Das sagte - laut einem Journalisten von „Népszabadság“ - unser heißgeliebter Ministerpräsident, als er, als Teil seiner Volksverführungskampagne, mit den Menschen von Dunaújváros herumplauderte. Das Thema waren natürlich die Migranten, und dabei hatte der große Denker diesen Geistesblitz, wenn wir schon jemanden aufnehmen sollen, dann schon lieber „unsere Deutschen“. Unsere Deutschen. Ich lasse diese Wendung in meinem Mund zergehen. In dieser Aussage ist die Liebe des Besitzers zu seinem Rindvieh genauso drin, wie seine grenzenlose Macht ihr/sein Schicksal zu bestimmen.

Das Pikante an der Sache ist aber, dass die heutzutage so hoch geschätzten Vorgänger, Vorbilder des Herrn Ministerpräsidenten „unsere Deutschen“ am liebsten um jeden Preis loswerden wollten, und nur auf die richtige Gelegenheit warteten. Es zählte nicht, dass sie nach der verheerenden Türkenbesatzung das Land maßgeblich mit aufgebaut haben, dass die öffentlichen Gebäude von Budapest mehrheitlich von Fachleuten „unserer Deutschen“ erträumt und erbaut wurden, dass die ungarische Kunst, der ungarische wissenschaftliche und technische Fortschritt ohne sie undenkbar gewesen wäre, aber auch das dreihundertjährige, friedliche Zusammenleben reichte zur Rettung nicht.

Die in der antisemitischen Hetze geschulte ungarische Presse bereitete den Boden mit dem gleichen Elan für die nächste Schandtat vor. „Unsere Deutschen“ wurden plötzlich alle, ausnahmslos zum Landesverräter gebrandmarkt, und die Öffentlichkeit des Landes schaute - abgesehen von wenigen Ausnahmen - genauso regungslos zu wie beim Holocaust und warf sich genauso, ohne Gewissensbisse, auf die neue Beute.

Aber aus welchen Grund sagte der Große Stratege diesen Satz? Manche denken, dass dies ein weiteres Zeichen für die Verfinsterung seines Geistes sei. Ernstzunehmende Psychologen rätseln darüber seit geraumer Zeit. Es ist tatsächlich ziemlich schwachsinnig zu denken, dass Mitglieder der mittlerweile dritten Generation der ehemals Vertriebenen aus dem prosperierenden Deutschland ausgerechnet hierher „flüchten“ würden. Es gibt zwar „Einwanderer“ aus dem EU-Raum, darunter auch aus Deutschland, aber diejenigen suchen niedrigere Lebenshaltungskosten und keine neue Heimat.

Wieder andere glauben, es war nur eine Begegnung in lockerer Atmosphäre und dabei ist ihm halt dieser Satz einfach rausgerutscht. Mein Gott, wir erleben doch schwere Zeiten, ein jeder – sogar ein Gaul mit vier Beinen - kann mal stolpern. Die Nachfrage des Journalisten und die abwehrende Antwort seines Sprechers Kollege Havasi – nach dem Muster: Es gibt da nichts Sehenswertes, gehen sie weiter – lässt diese Vermutung zu.

Aber natürlich gibt es welche, die unerschütterlich an ihrem Glauben festhalten, dass sich nämlich das listenreiche Genie der Nation niemals irrt, immer haargenau weiß, was zu sagen ist, alles besser als alle anderen voraussieht, seine Schritte wie ein Schachmeister sorgfältig vorausplant, ihn seine politische Spürnase nie in Stich lässt. Und so kann es auch sein, dass dem Herrn Ministerpräsidenten seine Worte bei der Erinnerungsfeier an die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn in Sinn kamen (falls die Deutschen bei der Vertreibung alles, womit sie das Land bereichert haben, mitgenommen hätten, wären wir viel ärmer geworden), und dachte, „unsere Deutschen“ könnten wohl auch jetzt maßgeblich dazu beitragen dieses viel gelittene Land zur neuen Blüte zu verhelfen.

Irgendwie ist es aber kein Wunder, dass mir diesbezüglich eine andere Geschichte einfiel, die einer meiner Bekannten gehört hat. In der Kneipe einer südungarischen Kleinstadt soll einen vom Wein benebelten Zeitgenossen ein Ehrlichkeitsanfall gepackt haben und brachte ihn zur Aussage: „Der Schwabe ist halt wie der Akazienbaum, er muss alle dreißig-vierzig Jahre auf den Stock zurückgeschnitten werden, er treibt ja von sich allein wieder aus“. Es kann aber auch sein, dass der Bursche deshalb Unsinn redete, weil der Wirt seinen Wein - wie mancherorts üblich - mit Glykol behandelte.

Na dann, Glyk auf.

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