Minderheitenparadies Ungarn

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 27. Oktober 2019 19:53
Veröffentlicht am Montag, 13. Mai 2019 21:59
Geschrieben von Richard Guth

Von Dr. Jenő Kaltenbach

Als vor etwa 200 Jahre die gekrönten Häupter als Legitimationsgrundlage eines Staates ausgedient haben, schlug die Stunde des Nationalstaates. Die Nation wurde das zentrale Element für das Gemeinwesen, aber was die Nation eigentlich ist, was die Gesamtheit der Menschen zu einer Nation macht, blieb nicht genau beantwortet. Nach der spöttischen Definition von Karl Popper ist die Nation eine Gruppe von Menschen, vereint durch den gemeinsamen Irrtum bezüglich ihrer Abstammung.

Was sich in den meisten Staaten letztendlich durchgesetzt hat, ist die sog. Kulturnation, was heißt, die Leute sind durch die gemeinsame Sprache, Kultur und Geschichte vereint. Dieser „Idealzustand“ herrschte aber in den wenigsten Ländern Europas. In den meisten gab und gibt es immer noch Gruppen, die eine andere Sprache und Kultur haben als die Mehrheit, also die Titularnation.

Einige Staaten wie z. B. Frankreich „lösten“ das Problem durch einen Trick, sie haben die sog. politische Nation erfunden, wo auf dem Papier alle Individuen für gleich erklärt wurden, unabhängig von ihrer Muttersprache. Sie erkannten nur Individual-, aber keine Gruppenrechte an. Das hat erstmal auch Ungarn versucht, aber es ist, anders als in Frankreich, schiefgegangen. Als Reaktion darauf begann man mit der teilweise gewaltsamen Assimilierungspolitik, was im Fiasko von Trianon endete. Eine ungarische historische Wunde, die bis heute schmerzt, vor allem, weil sie von der Politik immer wieder aufgerissen wird.

Unter Horthy blieb eigentlich eine einzige nennenswerte Minderheit in Ungarn, die deutsche, die dann systematisch zurückgedrängt wurde, was selbst von Hitlerdeutschland nicht aufgehalten werden konnte. Für Hitler waren die Ungarndeutschen ja auch nichts anderes als Kanonenfutter.
Danach kam das tragischste Kapitel der ungarndeutschen Geschichte, mit der Halbierung der Gemeinschaft durch die Vertreibung und mit der Aberkennung der Staatsbürgerschaft bei den Gebliebenen. Es folgte die materielle Enteignung, und die Ungarndeutschen mussten, obwohl Ungarn mit Hitler kollaborierte, für das Desaster des Krieges als Sündenböcke ihre Köpfe hinhalten.

Unter Kádár fristete die ungarndeutsche Volksgruppe ein armseliges Dasein, die meisten verloren ihre Muttersprache, und als dann die Wende kam, musste fast alles mühsam wieder aufgebaut werden.

Ich will ja überhaupt nicht leugnen, dass bis heute einiges erreicht wurde, aber die historischen Verluste sind von weitem nicht repariert worden. Die Ungarndeutschen müssen auch heute für das Überleben kämpfen.

In Ungarn hat ein Zehntel der Bevölkerung einen Minderheitenhintergrund, aber das spielt praktisch keine Rolle im Leben des Landes. Ungarn hat überhaupt keine mehrsprachige Tradition. Die meisten Ungarn würden überhaupt nicht verstehen, wozu das gut sein soll. Das ist das fremdenfeindlichste Land in der EU, und für die politische Elite, mit Orbán an der Spitze, ist Fremdenfeindlichkeit oberste Priorität.

Die Minderheiten, darunter auch die Deutsche, dürfen ihre kleine Nische behalten, sie dienen als Schaufenster für das Ausland, vor allem für die Nachbarstaaten, wo relativ große ungarische Minderheiten leben, aber im öffentlichen Leben des Landes, bei Entscheidungen, die das Schicksal der Menschen betreffen, dürfen sie nicht mitreden. Diese Rolle akzeptieren auch schön brav die führenden Persönlichkeiten der Ungarndeutschen. Sie spielen das Spielchen schön mit, Hauptsache, sie werden wiedergewählt. Und sie werden von der indoktrinierten Wählerschaft nur wiedergewählt, wenn sie schön brav sind und nicht aufmüpfig werden. Diesbezüglich hat sich auch nach der Wende fast nichts geändert.

Paradebeispiel dazu ist die Rede des ungarndeutschen Parlamentsabgeordneten Emmerich Ritter neulich in München, der voll des Lobes über die ungarische Minderheitenpolitik und über die großartigen Erfolge des Ungarndeutschtums unter den weisem Führer des Landes, Viktor Orbán, war.

Was soll man dazu sagen? Minderheiten müssen in allen Ländern für ihre Rechte kämpfen, sowas hört man z. B. ständig, wenn es um die „Ungarn jenseits der Grenze“, also um die ungarischen Minderheiten in der Nachbarstaaten geht.

Die einzige Ausnahme ist Ungarn, das wahre Paradies auf Erden für Minderheiten, besonders für die Ungarndeutschen.

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Gesendet: 20 Mai 2019 12:59 von Georg Krix #30
Georg Krixs Avatar
Meine Meinung zu obigem Beitrag

Herr Kaltenbach versucht mit seinem Beitrag einen Überblick über das Schicksal des Ungarndeutschtums ab Kriegsende zu geben und damit die heutige trostlose Lage der deutschen Volksgruppe zu erklären. Ich kann seinen Ausführungen zustimmen, bis auf folgende zwei Sätze, die inhaltlich unklar und mißverständlich sind.
- Unter Kádár fristete die ungarndeutsche Volksgruppe ein armseliges Dasein, die meisten verloren ihre Muttersprache, und als dann die Wende kam, musste fast alles mühsam wieder aufgebaut werden.

- Ich will ja überhaupt nicht leugnen, dass bis heute einiges erreicht wurde, aber die historischen Verluste sind von weitem nicht repariert worden. Die Ungarndeutschen müssen auch heute für das Überleben kämpfen.

Dazu meine Meinung:
Zu: „Unter Kádár fristete die ungarndeutsche Volksgruppe ein armseliges Dasein…”
Dass die (geschwundene und geschundene)Volksgruppe ein armseliges Dasein fristete, ist garnicht so sehr auffallend, da Ungarns Nationalitätenpolitik schon seit fast 200 Jahren nur ein ’armseliges Dasein’ den Nationalitäten des Landes ermöglichte. Also ist Kádár ja keine Ausnahme. Auch zu seiner Zeit gab es einen SCHEIN, nur eben kein SEIN. Immerhin gab es damals noch Menschen, die ein SEIN anstrebten, das jedoch an der Falschheit der Partei und der Mutlosigkeit der eigenen Landsleute scheiterte. Letzterem ist zum großen Teil das Verlorengehen der Muttersprache zuzuschreiben.
Und die Wende? Anstatt, dass sie ’fast alles wieder mühsam aufgebaut’ hätte, ließ sie (die nun vom Ungarndeutschtum „frei” gewählte Selbstverwaltung) auch das noch Vorhandene verlorengehen.
Zu: „…dass bis heute einiges erreicht wurde…”
Dies soll vielleicht eine Selbstberuhigung zum Ausdruck bringen, kann leider aber nur als Selbsttäuschung hingenommen werden. Schließlich haben die in den letzten 20 Jahren in den Medien als Erfolg, Fortschritt prahlend hingestellten „Errungenschaften” zu einem fast schon totalen Sprachverlust geführt und eine deutsche (?) Bühnenkultur geschaffen.
Georg Krix